2. November 2026

Light, Zero, High Protein: Was die Vorderseite verspricht und die Rückseite verrät

Was „light“, „zero“, „zuckerfrei“ und „High Protein“ auf der Packung wirklich bedeuten, was Verbraucherzentralen in Protein-Produkten gefunden haben und wie Du echten Sauerteig erkennst.

Ich habe über zwei Jahrzehnte in der Lebensmittelindustrie gearbeitet. Ich weiß, wie eine Packung entsteht. Die Vorderseite gehört dem Marketing. Sie soll verkaufen. Die Rückseite gehört dem Gesetz. Sie muss sagen, was drin ist. In diesem Artikel zeige ich Dir, was hinter „light“, „zero“ und „High Protein“ steckt. Und woran Du ein echtes Sauerteigbrot erkennst.

Vorne Versprechen, hinten die Wahrheit

Auf der Vorderseite einer Packung darf vieles stehen. Bilder von Wiesen, Kühen und reifen Früchten. Worte wie „natürlich“, „ausgewogen“ oder „bewusst“. Vieles davon ist rechtlich kaum geregelt.

Auf der Rückseite ist das anders. Die Zutatenliste und die Nährwerttabelle sind Pflicht. Die Zutaten müssen nach Menge sortiert sein, die größte Menge zuerst. Hier steht, was wirklich drin ist.

Für Begriffe wie „light“, „zuckerfrei“ oder „hoher Proteingehalt“ gibt es dagegen klare Regeln. Sie stehen in der europäischen Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben, der Health-Claims-Verordnung. Das Problem: Die Regeln sagen, wie viel von etwas drin sein muss. Sie sagen nicht, was stattdessen drin ist.

Angabe auf der PackungWas sie laut EU-Verordnung bedeutet
light oder reduziertmindestens 30 Prozent weniger von einem Nährstoff (z. B. Fett oder Zucker) als ein vergleichbares Produkt
zuckerfreihöchstens 0,5 g Zucker pro 100 g oder 100 ml
ohne Zuckerzusatzkein zugesetzter Zucker, das Produkt kann aber von Natur aus Zucker enthalten
hoher Proteingehaltmindestens 20 Prozent des Brennwerts stammen aus Protein
zerokein geregelter Begriff, ein reines Werbewort

Light: Was fehlt, wird ersetzt

Wenn aus einem Produkt Fett herausgenommen wird, fehlt etwas. Geschmack, Cremigkeit, Mundgefühl. Und das muss irgendwie ausgeglichen werden.

Genau das habe ich in der Industrie jahrelang erlebt. Fehlt das Fett, kommen oft Stärke, Verdickungsmittel, Zucker oder Süßstoffe hinein. Das Produkt ist dann „light“ beim Fett. Aber nicht unbedingt leichter für Deinen Körper.

Deshalb nehme ich lieber das Original. Den Joghurt mit seinem natürlichen Fett. Den echten Käse. Und genieße ihn bewusst.

Zero: Süß ohne Zucker

„Zero“ ist kein gesetzlich geregelter Begriff. Es ist ein Werbewort, meist für Getränke ohne Zucker. Die Süße kommt dann aus Süßstoffen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat dazu 2023 eine klare Empfehlung veröffentlicht: Süßstoffe sollen nicht eingesetzt werden, um das Körpergewicht zu kontrollieren. Die ausgewerteten Studien zeigten langfristig keinen Vorteil für das Gewicht. Die WHO bezeichnet ihre Empfehlung selbst als bedingt, weil die Datenlage nicht eindeutig ist. Aber sie zeigt: „Zero“ ist kein Freifahrtschein.

Mein Weg ist ein anderer: Ich gewöhne meinen Geschmack langsam an weniger Süße. Wasser mit einem Tropfen Zitrone statt Limo. Nach ein paar Wochen schmeckt vieles, was früher normal war, plötzlich viel zu süß.

High Protein: Der Pudding im Check

Protein ist ein großes Trendthema. Entsprechend voll sind die Kühlregale mit Puddings, Riegeln und Drinks, auf denen groß „High Protein“ steht.

Die Verbraucherzentralen haben sich diese Produkte genauer angesehen:

  • Bundesverband (2022): Von 59 Protein-Produkten waren 49 teurer als vergleichbare Produkte ohne Protein-Werbung. Jedes fünfte kostete mehr als das Doppelte. 14 Produkte enthielten kaum oder gar nicht mehr Protein als die Vergleichsprodukte.
  • Hamburg (2025): 14 Protein-Produkte waren im Schnitt 88 Prozent teurer als vergleichbare Lebensmittel. Sie enthielten im Schnitt fünf Zusatzstoffe, etwa zwei mehr als die Vergleichsprodukte. In 10 von 14 Produkten steckten Aromen. Einige enthielten trotz Protein-Werbung viel Zucker.

Die Verbraucherzentralen kommen zu dem Schluss, dass die meisten Menschen in Deutschland ausreichend Protein aufnehmen. Wie viel Du wirklich brauchst, habe ich in meinem Artikel „Wie viel Protein brauchst Du wirklich?“ ausgerechnet.

Mehr Protein, oft auch Süßstoffe, Aromen und Zusatzstoffe
Mehr Protein, oft auch Süßstoffe, Aromen und Zusatzstoffe

Meine Alternative ist simpel: Naturjoghurt oder Quark mit Beeren und ein paar Nüssen. Viel Protein, kurze Zutatenliste, ein Bruchteil des Preises.

Sauerteig: Echtes Handwerk steht in der Zutatenliste

Beim Brot zeigt sich besonders schön, wie viel Du auf der Rückseite lernen kannst.

Echter Sauerteig ist ein lebendiger Teig. Milchsäurebakterien und Hefen arbeiten darin über viele Stunden. Sie säuern den Teig, machen das Brot aromatisch, länger frisch und lockern es auf. Die Leitsätze für Brot und Kleingebäck des Deutschen Lebensmittelbuchs legen fest: Die Säure im Sauerteig entsteht ausschließlich durch natürliche Fermentation. Und bei einem Sauerteigbrot muss die gesamte zugesetzte Säure aus dem Sauerteig stammen.

Ein Blick auf die Zutatenliste verrät Dir, woran Du bist:

  • Steht dort „Sauerteig“? Gut.
  • Steht dort „Säuerungsmittel“, „Milchsäure“ oder „Essigsäure“? Dann wurde ganz oder teilweise mit Zusatzstoffen gesäuert statt mit Zeit.
  • Ist die Liste lang? Echtes Brot braucht nur Mehl, Wasser, Salz und Sauerteig oder Hefe.

Oft heißt es, Sauerteig und lange Teigführung machen Brot bekömmlicher. Ganz falsch ist das nicht. Forscher des Max Rubner-Instituts haben gezeigt, dass eine längere Gehzeit einen Teil bestimmter schwer verdaulicher Kohlenhydrate abbaut, der sogenannten FODMAPs. Aber eben nur einen Teil. Ein Wundermittel ist Sauerteig nicht. Er ist einfach gutes Handwerk. Und das schmeckt man.

Meine Regel für den Einkauf

  1. Packung umdrehen, bevor sie im Wagen landet.
  2. Zutatenliste lesen: Kenne ich alle Zutaten? Wie lang ist die Liste?
  3. Die ersten drei Zutaten anschauen. Sie machen den Großteil aus.
  4. Im Zweifel zum Original greifen und bewusst genießen.

Mehr dazu, woran Du versteckten Zucker erkennst, liest Du in meinem Artikel „Rückseite zuerst“.

Häufige Fragen

Sind Light-Produkte ungesund?

Nicht automatisch. Aber „light“ sagt nur, dass von einem Nährstoff weniger drin ist. Was stattdessen drin ist, verrät erst die Zutatenliste.

Ist „ohne Zuckerzusatz“ dasselbe wie „zuckerfrei“?

Nein. „Ohne Zuckerzusatz“ heißt nur, dass kein Zucker zugesetzt wurde. Ein Saft oder ein Fruchtaufstrich kann trotzdem viel natürlichen Zucker enthalten.

Woran erkenne ich gutes Brot beim Bäcker?

Frag nach. Ein guter Bäcker erzählt Dir gern, wie lange sein Teig ruht und ob er mit eigenem Sauerteig arbeitet.

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Quellen

  1. Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel, Anhang (Bedingungen für nährwertbezogene Angaben): https://gesetze.legal/eu/vo_eg_2006_1924/anhang
  2. Verbraucherzentrale Bundesverband: Werbung mit Protein, mehr Schein als Sein (Marktcheck, Mai 2022): https://www.vzbv.de/pressemitteilungen/werbung-mit-protein-mehr-schein-als-sein
  3. Verbraucherzentrale Hamburg: High Protein, aber auch viel Zucker, Zusatzstoffe, Aromen und hoher Preis (10.04.2025): https://www.vzhh.de/presse/high-protein-aber-auch-viel-zucker-zusatzstoffe-aromen-hohen-preis
  4. World Health Organization: WHO advises not to use non-sugar sweeteners for weight control in newly released guideline (15.05.2023): https://www.who.int/news/item/15-05-2023-who-advises-not-to-use-non-sugar-sweeteners-for-weight-control-in-newly-released-guideline
  5. Deutsches Lebensmittelbuch: Leitsätze für Brot und Kleingebäck (Neufassung 2021): https://umwelt-online.de/recht/lebensmt/lebensmb.ges/ybrot21.htm
  6. Max Rubner-Institut: Forschung für eine bessere Darmgesundheit (FODMAP-Gehalte in Brot, 21.03.2022): https://www.mri.bund.de/en/news/news/short-message/research-for-greater-gut-health/